Ein Fels in der Brandung verlässt den Hagerhof
Fast ein Vierteljahrhundert stellvertretender Schulleiter, Organisator unzähliger Stunden- und Vertretungspläne, leidenschaftlicher Sportler und vor allem ein Pädagoge, auf den man sich verlassen konnte: Mit Matthias Sieber ist zum 31. August eine der prägenden Persönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte am Schloss Hagerhof in den Ruhestand gegangen.
38 Jahre Schuldienst liegen hinter Matthias Sieber – und sein Weg führte ihn dabei durchaus ein wenig durch die Welt. Nach dem Studium von Sport und Biologie und den beiden Staatsexamina unterrichtete er an insgesamt neun Schulen. Zu seinen beruflichen Stationen gehörten neben Schulen in Deutschland auch die Maseno High School in Kenia, die Deutsche Schule und die Colegia Internacional Montessori in Guatemala. Schließlich führte ihn sein Weg an den Hagerhof.
Am 24. September 2001 übernahm er die stellvertretende Schulleitung. Fast 25 Jahre trug er damit an entscheidender Stelle Verantwortung für unsere Schule – 17 Jahre an der Seite unserer damaligen Schulleiterin Dr. Gudula Meisterjahn-Knebel und in den vergangenen acht Jahren gemeinsam mit Dr. Sven Neufert.

Wie viel von dem, was täglich selbstverständlich funktioniert, über all die Jahre auf seinem Schreibtisch zusammenlief, wurde bei seiner Verabschiedung am letzten Schultag auf der Schlossterrasse noch einmal deutlich. Stundenpläne, Vertretungspläne, Prüfungen, Aufsichten, Essenszeiten, Tage der offenen Tür und Hagerhof-Feste mussten organisiert und Menschen, Räume und Zeiten immer wieder neu zusammengebracht werden. Dazu kamen Aufgaben, die Sieber besonders am Herzen lagen: Als leidenschaftlicher Sportler initiierte er den Tennisschwerpunkt am Hagerhof und arbeitete kontinuierlich daran, Leistungssport und schulische Anforderungen miteinander zu verbinden.
Schulleiter Dr. Sven Neufert brachte drei Eigenschaften auf den Punkt, die viele am Hagerhof mit Matthias Sieber verbinden: „Zuverlässigkeit, Organisationsstärke, Unerschütterlichkeit“. Für ihn sei sein langjähriger Stellvertreter in vielen Situationen der Fels in der Brandung gewesen. Mindestens ebenso wichtig sei aber eine weitere Qualität: seine „unbedingte Vertrauenswürdigkeit und Loyalität“. Gerade in einer Schulleitung, in der schwierige Entscheidungen getroffen und unterschiedliche Interessen zusammengeführt werden müssen, sei dies von besonderem Wert gewesen.
Neufert erinnerte auch an die intensive Zusammenarbeit während der Corona-Pandemie und daran, wie häufig beide bei der Bewertung von Situationen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen seien. Und wenn nicht, wurde diskutiert und widersprochen – offen, direkt und zunächst intern. Ein Umgang miteinander, der über acht Jahre die Zusammenarbeit in der Schulleitung geprägt habe.
Doch die vielen Pläne, Tabellen und organisatorischen Aufgaben erzählen nur einen Teil der Geschichte. In seiner Abschiedsrede erinnerte Neufert deshalb ausdrücklich auch an den anderen Matthias Sieber: an den Pädagogen, der sich immer wieder mit einzelnen Schüler:innen oder kleinen Gruppen hinsetzte, um ihnen Mathematik zu erklären. An den Lehrer, der auf Skifahrten mit großer Geduld auch diejenigen an das Skifahren heranführte, die sich auf zwei Brettern zunächst alles andere als sicher fühlten.
„Es sind solche Momente zwischen Deinen Schüler:innen und Dir, die dich als wahren Montessori-Pädagogen gezeigt haben“, sagte Neufert. Entscheidend sei Sieber nie allein das Funktionieren des Systems gewesen, sondern immer auch der einzelne junge Mensch darin.

Auch Geschäftsführer Michael Wichterich würdigte Siebers besondere Bedeutung für Schloss Hagerhof. In einem komplexen System Schule sei er über Jahrzehnte eines der entscheidenden Zahnräder gewesen, auf das immer Verlass war. Dabei habe er bei aller notwendigen Organisation nie aus den Augen verloren, für wen Schule letztlich da ist: für die Kinder und Jugendlichen. Gerade die Sportler:innen am Hagerhof konnten sich darauf verlassen, dass er für sie nach Wegen suchte (und fand), ambitionierten Sport und schulische Anforderungen miteinander zu vereinbaren.
Dass sein Abschied eine große Lücke hinterlässt, zeigte sich auch an den vielen persönlichen Würdigungen. Der Lehrerrat dankte ihm ebenso für die jahrzehntelange Zusammenarbeit wie die Sportfachschaft, mit der ihn naturgemäß besonders viel verband.
Und auch die Schüler:innen von Schloss Hagerhof ließen es sich nicht nehmen, ihrem langjährigen stellvertretenden Schulleiter einen gebührenden Abschied zu bereiten. Bei der Vollversammlung am ersten Schultag nach den Sommerferien wurde Matthias Sieber mit langanhaltendem Applaus verabschiedet. Anschließend wartete noch ein ganz besonderer letzter Weg auf ihn: Von der Turnhalle bis zu seinem Büro bildeten die Schüler:innen ein langes Ehrenspalier, durch das Sieber ein letztes Mal zu seinem langjährigen Arbeitsplatz ging. Ein ebenso stilvoller wie persönlicher Abschluss nach fast 25 Jahren in der Schulleitung.



Vom Hagerhof selbst erhielt Matthias Sieber die Polyhymnia, die höchste Auszeichnung der Schule für scheidende Mitarbeitende. Die Büste ist eine originalgetreue Kopie jener Polyhymnia, die einst als Statue im Schlosspark stand. Ein zweites Geschenk dürfte künftig noch sichtbarer an seine lange Zeit am Menzenberg erinnern: Ein altes Holzfenster aus dem Schloss wurde aufgearbeitet und zu einem Spiegel umgestaltet. So nimmt er im ganz wörtlichen Sinne ein Stück Hagerhof mit in seinen neuen Lebensabschnitt.
Und für den dürfte es nun auch neue Pläne brauchen. Neufert erinnerte schmunzelnd an eine typische Eigenart seines Stellvertreters: Wenn bei gemeinsamen Überlegungen eine Idee Gestalt annahm, fiel irgendwann der Satz „Das muss ich mir aufschreiben.“ Als Schmierpapier dienten nicht selten alte Stunden-, Prüfungs- oder Essenspläne; beim Nachdenken entstanden daneben oft auch geometrische Figuren. Für die Zeit nach der Schule gab Neufert ihm deshalb ein gebundenes Buch mit auf den Weg – mit weißen Seiten vorne für neue Ideen, und auf der Rückseite eben die alten Stunden- und Vertretungsplan.
Wir danken Matthias Sieber für seine Arbeit, Verlässlichkeit und für vieles, das weit über Unterricht und Stundenpläne hinausging. Für seinen neuen Lebensabschnitt wünschen wir ihm alles Gute – und freuen uns, wenn die Verbindung zum Hagerhof bestehen bleibt.

